Auftakt in Seeheim am 27. März 2022

Eine Veranstaltung in Kooperation zwischen dem Abrahamischen Forum in Deutschland, der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) und der Gemeinde Seeheim-Jugenheim. 

Für die Filmproduktion danken wir dem Zentralrat der Muslime (ZMD).                                                                                                   Musik: https://elements.envato.com/de/emotional-cinematic-V3Y5QVK

 

Neun Religionsgemeinschaften pflanzen einen Baum

Neun Steine für neun Religionen

Sabine Riewenherm, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz (BfN)

Rede von Sabine Riewenherm, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz (BfN), zum Auftakt von “5 Wochen für Bäume” am 27. März 2022 in Seeheim-Jugenheim

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Wie jeder starke Baum einmal eine kleine Pflanze war, beginnt jede große Tat mit einem guten Gedanken.

Dieser Spruch eines leider unbekannten Verfassers passt sehr gut zur heutigen Veranstaltung! Ich freue mich sehr, dass hier in Seeheim Vertreterinnen und Vertreter so vieler unterschiedlicher Religionen und Institutionen zusammengekommen sind, die den Gedanken des Naturschutzes in Gemeinschaft mittragen und durch die Aktion „5 Wochen für Bäume“ Realität werden lassen.

Ökosysteme wie unsere Wälder sind vielfältige Netzwerke und mehr als nur die Summe ihrer Bäume: Wie intakte Ökosysteme die Vielfalt der Lebensformen benötigen, ist auch unsere menschliche Gesellschaft auf jeden und jede Einzelne von uns angewiesen.

Für das Bundesamt für Naturschutz, das ich seit September vergangenen Jahres leite, ist Naturschutz eine breit angelegte Querschnittsaufgabe, die Natur- und Gesellschaftswissenschaften miteinander verknüpft.

Dem „Faktor Mensch“ und gemeinschaftlichen Aktivitäten messen wir eine hohe Bedeutung bei, wenn es darum geht, wirklich Substanzielles für den Schutz der Natur zu bewegen.

Deshalb freut es mich sehr, dass ich heute mit den „5 Wochen für Bäume“ das BfN-geförderte Projekt „Religionen und Naturschutz“ des Abrahamischen Forums mit eröffnen darf, mit dem wir schon seit vielen Jahren vertrauensvoll und erfolgreich zusammenarbeiten!

Das BfN hat erstmals im Jahr 2014 gemeinsam mit dem Abrahamischen Forum ein Dialogforum für Naturschutzakteure und Vertreterinnen und Vertreter der Religionsgemeinschaften organisiert, das sehr erfolgreich war:

Die Teilnehmenden haben sich damals auf eine gemeinsame Erklärung der Religionsgemeinschaften und des Naturschutzes verständigt, die seitdem die gemeinsame Basis für unsere Aktivitäten bildet.

In der Folge wurden die Aktivitäten sogar unter den vordringlichen Maßnahmen der Naturschutz-Offensive 2020 des Bundesumweltministeriums gelistet!

Das aktuelle Projekt des Abrahmischen Forums wird aus Mitteln der Verbändeförderung gefördert und zielt darauf ab, das gesellschaftliche umwelt-ethische Bewusstsein zu stärken. Dazu werden verschiedene Aktionen durchgeführt, bei denen Religionsgemeinschaften und Naturschutz miteinander kooperieren. Dazu zählen auch die „5 Wochen für die Bäume“, bei der verschiedene Aktionen rund um das Thema Wald angeboten werden.

Lieber Herr Dr. Micksch, liebe Frau Hessemer, liebes Projekt-Team, ich danke Ihnen und dem Abrahamischen Forum ganz herzlich für Ihren unermüdlichen Einsatz, und dass wir hier und heute auch wieder gemeinsam zusammenstehen, denn:

Religionen als die größten transnationalen zivilgesellschaftlichen Institutionen bieten ein großes Potenzial für die ökologische Bewusstseinsbildung, was insbesondere vor dem Hintergrund globaler Krisen wie dem Klimawandel, Artensterben und Pandemien eine außerordentlich hohe Bedeutung für eine positive globale Entwicklung besitzt.

Alle großen Weltreligionen beinhalten Naturtheologien, die in Bezug auf den Wert des Lebens und der Natur miteinander und auch mit den Anliegen des Naturschutzes in Einklang stehen.

Projekte wie „5 Wochen für Bäume“ erreichen aber noch mehr:

Menschen unterschiedlichster kultureller und gesellschaftlicher Prägung finden hier zusammen, teilen gemeinsame Werte und setzen sich für die Vielfalt des Lebens ein.

Vor diesem Hintergrund bewegt es mich auch sehr, dass der heute ausgewählte Baum eine „Friedenslinde“ ist.

Lassen Sie uns heute auch in Gedanken und im Herzen bei den Menschen in der Ukraine sein, und diesen Baum auch als ein Symbol für die Hoffnung auf Frieden in Europa und in der Welt verstehen.

Frieden ist eine Grundvoraussetzung, damit die Menschheit Krisen wie den Klimawandel, die Ökosystemkrise und Pandemien gemeinsam überstehen und bewältigen kann.

Ein wichtiges Ziel der United Nations lautet „Living in Harmony with Nature“ – ein Leben in Harmonie mit der Natur.

Lassen Sie uns gemeinsam dazu beitragen, für gesellschaftlichen Zusammenhalt, Frieden, und den Schutz der Natur!

Vielen Dank.

Judentum, Ingeborg Nahmany

Ingeborg Nahmany, Jüdische Gemeinde Darmstadt

Der Baum hat im Judentum eine ganz besondere Stellung: im Heiligen Buch, der Torah, wird er als Etz Chajim bezeichnet, als Baum des Lebens. Ein Baum, an dem wir uns festhalten sollen. Bereits in der Schöpfungsgeschichte, die im Garten Eden begann, waren es Bäume, die zentrale Rollen einnahmen: Etwa der Baum des ewigen Lebens und der Baum der Erkenntnis.

In einem Midrasch heißt es dazu: „Von Anfang der Schöpfung der Welt an war G“tt mit Pflanzen beschäftigt. […] Der Ewige, G“tt, pflanzte im Garten Eden. […] So sollt auch ihr, wenn ihr in das verheißene Land kommt, euch mit Pflanzen beschäftigen.“

Nicht umsonst gibt es Vorschriften, die eine mehrjährige Periode des ungestörten Wachstums vorsehen, in denen auch der Baum nicht angetastet und seine Früchte nicht geerntet werden. Aus den Kriegsvorschriften des 5. Buch Moses, stammt das Prinzip, wonach die mutwillige Zerstörung von bestimmten Bäumen verboten ist. Dort heißt es:

„Wenn du eine Stadt lange Zeit belagerst, um sie einzunehmen, dann vernichte nicht ihren Baumbestand […]. Denn Du kannst von den Bäumen essen, haue sie also nicht um! Denn ist der Baum auf dem Feld etwa ein Mensch, sodass er von dir belagert werden müsste?“

Im 5. Buch Moses, Dwarim 20:19, heißt es weiter:

„Nur einen solchen Baum, von dem du weißt, dass er kein Fruchtbaum ist, darfst du fällen und daraus Belagerungswerk gegen die Stadt bauen, die gegen dich Krieg führt, bis sie schließlich gefallen ist.“

Also auch in einem Krieg, der gegen einen selbst geführt wird, ist es verboten, diejenigen Bäume zu fällen, die Früchte tragen und dem Menschen Nutzen bringen.   Nicht umsonst sagt ein Sprichwort:

Wenn ein Baum gefällt wird, ist sein Schmerzensschrei in der ganzen Welt zu hören.

Und schließlich ist da noch Tubischwat, das Neujahrsfest der Bäume, das wir Juden jedes Jahr meist im Januar oder Februar feiern und das unser Verhältnis zu Natur, Umwelt und Schöpfung so nachhaltig prägt. Ein Fest, in dessen Zentrum der Baum steht und das sich dem Respekt vor der Schöpfung widmet.

In Israel gibt es die schöne Tradition, zu Tubischwat mit Kindergartenkindern und Schülergruppen einen Ausflug in die Natur zu machen, um Baumsetzlinge zu pflanzen.

Mögen wir in der ganzen Welt viele Bäume pflanzen

und den nachfolgenden Generationen damit eine Welt hinterlassen,

in der es sich lohnt zu leben!

Buddhismus, Edith Battel

Edith Battel, Äbtissin des Meditationszentrums „Würzburg Yun Hwa Dharma Sah“

In der Geschichte des Buddhismus werden Bäume an den heiligen Orten erwähnt und haben eine tiefe Bedeutung:

Shakyamuni Buddha ist der Begründer des Buddhismus. Er wurde 566 v. Chr. als Sohn von Königin Maya und König Suddhodana, im Land Kapila im Lumbini-Blumengarten des Dorfes Padaraya in Nordindien geboren.  Der Lumbini-Blumengarten war voll von Sal-  Bäumen. Man sagt, Königin Maya habe sich während der Geburt an den Zweigen eines Sal-Baumes festgehalten.

Shakyamuni Buddha meditierte unter dem Bodhi-Baum, einem Feigenbaum, in Bodh Gaya im Land Magadha. Er gelobte, diesen Ort nicht zu verlassen, bis Er die Erleuchtung erlangt hatte. Im Schatten dieses Baumes überwand Er viele Schwierigkeiten, bis Er schließlich im Alter von 36 Jahren unter diesem Baum die Erleuchtung erlangte und selbst ein Buddha wurde. „Bodhi“ bedeutet vollendete Weisheit und gilt als Zeichen des Erwachens.

Nach der Überlieferung ging Shakyamuni Buddha im Alter von 80 Jahren im Schatten von zwei Sala-Bäumen in Kushinara ins Nirwana ein.

Erwähnen möchte ich noch die Geschichte des Baumes ohne Blätter:

„Vor 2.600 Jahren war Kosala ein benachbartes Königreich von Kapila (Königreich, aus dem Shakyamuni Buddha stammte). Dessen König wollte in Kapila einmarschieren und es kontrollieren. Also führte der König eines Tages Krieg gegen das Königreich Kapila. Zu der Zeit saß Shakyamuni Buddha in Meditation unter einem verkümmerten und dürren Baum ohne Blätter in der Mitte der Straße.
Der König von Kosala war überrascht und fragte Shakyamuni Buddha, weshalb Er in diesem heißen Wetter alleine saß. Shakyamuni Buddha antwortete daraufhin, dass ein Baum ohne seine Blätter wie ein Land ohne seine Bürger sei.
Wenn es also zum Krieg kommt, sei es für Ihn nicht korrekt, rein aus der Begierde heraus sich wohlzufühlen, den Schatten eines anderen Baumes zu suchen.

Der König konnte deshalb nicht weiter nach Kapila vordringen und zog sich nach Hause zurück. Einige Zeit später versuchte der König wieder Krieg zu führen. Shakyamuni Buddha blieb wieder dort, um ihn aufzuhalten. Aber beim dritten Mal hielt ihn Shakyamuni Buddha nicht davon ab. Für Ihn war es äußerst wichtig, dass kein Krieg ausbrach, der die Bürger von Kapila verletzen würde.
Deshalb sagte Er dem König, dass Er ihm das Land geben könne, vorausgesetzt, dass keine Bürger dieses Landes getötet werden würden. Der König akzeptierte diese Bedingung und versprach, die Bürger nicht zu verletzen. Dadurch wurde das Königreich Kapila von Kosala eingenommen.“

Diese große Liebe und das große Mitgefühl von Shakyamuni Buddha für alle verhinderte das Blutvergießen und brachte den Frieden.  In der heutigen Zeit ist eine solche Situation für uns schwer vorstellbar.

Bäume sind Lebewesen, um die wir uns kümmern müssen. Es genügt nicht, einen Setzling in die Erde zu pflanzen und ihn dann sich selbst zu überlassen. Wir müssen ihn gießen, von Unkraut befreien, pflegen, nähren und warten bis die Früchte heranreifen. Dann können wir ernten, was wir in die Erde gesetzt haben. Wenn wir jedoch nichts pflanzen, wird nichts entstehen oder Früchte tragen.

Dies ist das universelle Gesetz von Ursache und Wirkung, das uns der Buddhismus lehrt. Es bedeutet: „das, was wir tun, ist das, was wir bekommen“. Wenn wir andere verletzen,  wird im Gegenzug Leiden zu uns kommen.  Wenn wir anderen Nutzen bringen, erwerben wir große Tugend und erhalten gute Ergebnisse.

 

 

 

Hinduismus, Biju Nair

Biju Nair, Gründer von Hindu e.V.

वृक्षो रक्षति रक्षितः

Vruksho Rakshathi Rakshithah

Der Baum, den wir beschützen, wird uns später beschützen.

Die Geburt des Hinduismus geht etwa auf das 2. Jahrtausend vor unserer Zeit zurück. Eine Zeit, die in Europa die Bronzezeit genannt wird und in Indien die Harappa-Zivilisation hervorgebracht hat. Der Hinduismus gilt damit als die älteste Religion der Welt. Sie vereint verschiedene Traditionen und Kulturen und ist eine Religion, die über einen langen Zeitraum gewachsen ist. In ihr finden wir alles, was uns umgibt und uns in unserem täglichen Leben verbindet, göttlich und heilig. Dies können Sonne, Mond, Sterne, Luft, Wasser. Bäume, Berge, Feuer, Tiere und Menschen sein.   Was die Bäume betrifft, so sind wir in unserem täglichen Leben sehr stark von dem einen oder anderen Baum abhängig, wie z.B. der Kokospalme oder dem Banyanbaum. Für uns gilt daher folgende Gleichung:

Dashakoopa samaa Vaapi

10 Brunnen entsprechen einem Teich

Dashavapi samo Hruda

10 Teiche entsprechen einem See

Dasha Hruda sama Puthro

10 Seen entsprechen einem Sohn oder einem Kind

Dashaputhra samo Dhruma

10 Söhne oder Kinder entsprechen einem Baum

Ich vertrete den Staat Kerala in Indien. Kera – La bedeutet Land der Kokospalme. Von unserer Geburt bis zu unserem letzten Tag sind wir auf die Kokospalme angewiesen, weil wir ihre Blätter, Blüten, ihr Holz und Fruchtfleisch in unserem täglichen Leben verwenden. Einige Bestandteile dienen dem Gebrauch (der Nahrung und Unterkunft), andere werden als heilig angesehen. Zarte Blätter und Blüten werden zur Dekoration verwendet, getrocknete Blätter zum Abdecken des Hausdaches. Die frische zarte Kokosnuss gilt als das beste natürliche Getränk der Welt.  Auch die getrocknete Kokosnuss wird als Nahrungsmittel, für die Ölherstellung und sogar für das Hausdach verwendet.  Alle anderen Reste dienen als Brennstoff. Von einer Kokospalme bleibt am Ende nichts ungenutzt. Ich hoffe, Sie können jetzt sehen, welche Bedeutung wir unserer Natur beimessen, insbesondere den Bäumen und Wäldern.

Christentum, Kirchenpräsidenten Dr. Dr. Volker Jung

Dr. Dr. Volker Jung, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN)

Ein Baum ist in der christlichen Tradition ein Symbol für Leben – für gutes, behütetes, beschütztes Leben. Und es ist Aufgabe der Menschen, sich um solches Leben zu sorgen.

Der Kehrvers eines Liedes in unserem Gesangbuch geht so: „Komm bau ein Haus, das uns beschützt, pflanz einen Baum der Schatten wirft, und beschreibe den Himmel, der uns blüht.“ (EG 589) Und dann wird in den Versen des Liedes besungen, dass es gut ist viele einzuladen – in das Haus und unter den Baum: Tiere, Kinder, Alte. Sie sollen zusammenkommen, damit sie dort spielen, tanzen, erzählen, damit die Freude wächst und das Leben Kreise zieht.

Der Baum ist Symbol des Lebens und steht damit zugleich für eine gute Verbindung des Menschen zu Gott. Aus dieser Verbindung heraus kommt Kraft und Orientierung. Das nimmt natürlich auf, was über einen frommen Menschen in dem wunderbaren 1. Psalm aus der jüdischen Tradition gesagt ist. „Wer Lust hat am Gesetz des Herrn und sinnt über dem Gesetz Tag und Nacht, der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Was dieser Mensch macht, gerät wohl.“

Ganz in der Tradition dieser Bilder steht übrigens das, was die Puhdys 1977 gesungen haben:

„Alt wie ein Baum möchte ich werden – mit Wurzeln, die nie ein Sturm bezwingt.
Alt wie ein Baum, der alle Jahre so weit, weit, weit, weit Kindern nur Schatten bringt.“

Die Bilder nehmen ja viel auf von dem, was Bäume für Menschen bedeuten. Sie sind Schutzorte und sie sind im wahrsten Sinn des Lebens auch lebensnotwendig. Sie sind wichtig für Wasser und Luft, sie wandeln Kohlendioxid in Sauerstoff um. Und es ist nicht gut, wenn Bäume sterben. Da stimmt etwas nicht. In der biblischen Bildsprache sind sie dann ein Zeichen dafür, dass die Verbindung zu Gott verloren gegangen ist. Das sind dann Bäume, die keine Frucht bringen, Bäume, unter denen Menschen keinen Schutz finden. Die Bilder der schlechten Bäume verweisen die Menschen zurück auf sich selbst. Sie stellen an Menschen die Frage nach ihrer Beziehung zu Gott und danach, was Menschen tun. Wie nötig ist es, dass wir uns diese Fragen stellen – ganz besonders im Blick auf die Klimaveränderungen, die wir verursachen. Aber natürlich heute auch mit Blick auf den entsetzlichen Angriffskrieg in der Ukraine. Andere Menschen mit Gewalt anzugreifen, ist das Gegenteil von dem was uns aufgetragen ist: Häuser zu bauen und Bäume zu pflanzen für das gute und friedliche Miteinander!

Deshalb: Lasst uns Bäume pflanzen für den Frieden und für das Leben!

DER KIRCHENPRÄSIDENT
Pfarrer Dr. Dr. h. c. Volker Jung
Paulusplatz 1, 64285 Darmstadt

 

Eziden, Dr. Irfan Ortac

Dr. Irfan Ortac, Vorsitzender des Zentralrats der Eziden

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Natur und Schöpfung für künftige Generationen schützen und erhalten, das ist der Auftrag unserer Jugend, den man mir mit auf dem Weg gegeben hat, nachdem ich ihnen den Anlass für den heutigen Tag erklärt habe.
Es ist nicht nur ein Auftrag, sondern aus ezidischer Sicht eine Verpflichtung, die Umwelt zu schützen. Denn Xweda, sprich der Schöpfer, hat, bevor er das Paradies erschaffen hat, drei Bäume wachsen lassen: Der erste Baum, Dara herherê (Baum für die Ewigkeit), der zweite Baum, Dara Miraza (Baum für die Erfüllung der Wünsche) und schließlich der dritte Baum, Dara Qawala (Baum der Gebete). Diese Bäume gelten symbolisch als Stütz-Säulen unserer Erde.
Demzufolge verstehe ich darunter, wer die Bäume fällt, zerstört die Stützen unserer Erde. Wer sie neu pflanzt, fördert den Erhalt unserer Erde.
Wir sind zurzeit Zeugen eines furchtbaren Krieges, mitten in Europa. Es sterben täglich Menschen auf beiden Seiten und es wird damit gedroht, Massenvernichtungswaffen einzusetzen, mit denen noch mehr Mensch und Natur zerstört werden. Es leiden in diesem Krieg täglich unschuldige Kinder, Frauen und Männer.
Wir ÊzîdInnen und Êzîden können den Schmerz dieser Menschen mitfühlen und nachempfinden. Denn unsere Geschichte ist eine Leidensgeschichte.
Wir, als Vertreter der Religionen pflanzen heute einen Baum als Symbol für den Frieden und vor allem als Zeichen für den Erhalt unserer Natur. Ich freue mich, mit Ihnen diesen Baum zu pflanzen, um die Natur und Schöpfung für die künftigen Generationen zu erhalten.

Islam, Abdassamad El Yazidi

Abdassamad El Yazidi, Koordinationsrat der Muslime in Deutschland

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Geschwister,

ich grüße Sie mit dem Gruß des Paradieses. Bei uns Muslimen heißt es „as-Salamu alaykum“, Friede sei mit Ihnen!

Vor drei Jahren hielt ich hier neben meinem Freund Daniel Neumann, Direktor der Jüdischen Gemeinden in Hessen, nach einer Predigt von Kirchenpräsident Dr. Volker Jung einen Gastbeitrag im Rahmen der UN Wochen gegen Rassismus.  Ich möchte heute eine Verbindung zwischen den Bäumen und der Arbeit gegen Rassismus herzustellen.

Bäume haben innerhalb der Religionen einen ganz besonderen Stellenwert.  Religionen werden heutzutage oft als Konfliktbeschleuniger und Problemfälle dargestellt. Der Ursprung und die Seele der Religionen ist jedoch Frieden und Lebenserhaltung. Dazu gehört die Erhaltung der Schöpfung und dass wir Bäume pflanzen. Wenn wir Bäume pflanzen, dann schaffen wir Leben. Im Koran wird der Baum in verschiedenen Situationen erwähnt. Auch in Aussprüchen des Propheten Muhammad, möge Gottes Segen und Frieden auf Ihm sein, spielen Bäume und andere Pflanzen eine große Rolle. Hier finden Sie zwei exemplarische Textstellen aus dem Koran:

وَيَا آدَمُ اسْكُنْ أَنتَ وَزَوْجُكَ الْجَنَّةَ فَكُلَا مِنْ حَيْثُ شِئْتُمَا وَلَا تَقْرَبَا هَٰذِهِ الشَّجَرَةَ فَتَكُونَا مِنَ الظَّالِمِينَ* فَوَسْوَسَ لَهُمَا الشَّيْطَانُ لِيُبْدِيَ لَهُمَا مَا وُورِيَ عَنْهُمَا مِن سَوْآتِهِمَا وَقَالَ مَا نَهَاكُمَا رَبُّكُمَا عَنْ هَٰذِهِ الشَّجَرَةِ إِلَّا أَن تَكُونَا مَلَكَيْنِ أَوْ تَكُونَا مِنَ الْخَالِدِينَ * (الأعراف، آية 17)

“Oh, Adam, wohne du mit deiner Gattin im Paradies und esst von allem, was ihr wollt, nur diesem Baum dürft ihr euch nicht nähern, sonst würdet ihr zu den Ungerechten gehören! Doch Satan flüsterte ihnen zu, um ihnen ihre verborgen gehaltene Blöße zu zeigen und sagte: Gott hat euch nur deswegen diesen Baum verboten, damit ihr keine Engel werdet oder nicht zu den Unsterblichen gehört.” (Sure 7:17)

Die Geschichte gibt es ähnlich auch in der christlichen Tradition. Man spricht hier davon, dass Eva diejenige war, die Adam wohl dazu geleitet hat, von diesem Baum zu essen. Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass der Koran eben einen anderen Weg geht: Die Verantwortung wird dem Mann zugeschrieben und nicht der Frau, die in vielen Traditionen und Kulturen verantwortlich für alles Übel gemacht wird. In einem anderen Vers sagt der Koran noch deutlicher:

فوسوس إليه الشيطان قال يا آدم هل أدلك على شجرة الخلد وملك لا يبلى فأكلا منها فبدت لهما سوآتهما وطفقا يخصفان عليهما من ورق الجنة وعصى آدم ربه فغوى .” (طه، أية 120 – 121)

Der Satan flüsterte ihm jedoch Böses ein, er sagte: “Adam! Soll ich dich zum Baum der Ewigkeit führen, der einem Ewigkeit und ein unvergängliches Reich gewährt?” Sie aßen beide davon, so dass ihnen ihre Blöße bewusst wurde, und sie nahmen Blätter vom Paradiesgarten und bedeckten sich damit. Adam hatte sich ungehorsam gegen Gott verhalten und ging den Irrweg. (Koransure 20: 120-121)

Neben der zentralen Stellung des Baumes, ist hier die Verantwortung für das eigene Handeln relevant, die gleichermaßen für Mann und Frau gilt.

Ein anderer Koranvers zeigt uns ein Gleichnis. Allah sagt, dass das gute Wort mit einem guten Baum und das böse Wort mit einem schlechten Baum gleich zu setzen ist:

“ألم تر كيف ضرب الله مثلا كلمة طيبة كشجرة طيبة أصلها ثابت وفرعها في السماء تؤتي أكلها كل حين بإذن ربها ويضرب الله الأمثال للناس لعلهم يتذكرون. ومثل كلمة خبيثة كشجرة خبيثة اجتثت من فوق الأرض ما لها من قرار.” (سورة إبراهيم: آية 24-26)

“Siehst du nicht, wie Gott das Gleichnis vom guten Wort anführt? Er vergleicht das gute Wort mit einem guten Baum, dessen Wurzeln fest in der Erde liegen und dessen Zweige hoch in den Himmel ragen. Er trägt seine Früchte mit Gottes Erlaubnis zur bestimmten Zeit. Gott führt Gleichnisse für die Menschen an, damit sie sich Gedanken machen. Das böse Wort aber gleicht einem schlechten Baum, der der Erdoberfläche entrissen ist und keinen festen Halt hat.“ (Koransure 14: 24)

Lassen Sie mich eine Verbindung zu den internationalen Wochen gegen Rassismus machen:  Vieles an Übel und Leid beginnt mit dem gesprochenen oder geschriebenen Wort. Ich bin sehr froh, gemeinsam im abrahamischen Forum einen kleinen Beitrag dazu leisten zu dürfen, dass die Geschwisterlichkeit zwischen den Menschen ein hohes Gut bleibt. Auch hier können wir das Gleichnis des Baumes nehmen. Wir gehören alle zu demselben Stamm. Unser Prophet sagt: Ihr gehört alle zu Adam und Adam gehört zur Erde.

Vor ein paar Tagen sagte ein muslimischer Gelehrter zu mir im Gespräch:  Mein Sohn, es gibt zwei Formen der Geschwisterlichkeit: die Geschwisterlichkeit in Din (دين) und die in Tin (طين); Din heißt Religion und Tin heißt Erde. Mögen wir Geschwister sein im Din und im Tin.

Abdassamad El-Yazidi, Sprecher des Koordinationsrates der Muslime in Deutschland

 

 

 

Alevitentum, Ihsan Dilber

Ihsan Dilber, Alevitentum

Leben wie ein Baum

Ihsan Dilber, Vorsitzender der Alevitischen Gemeinden in Hessen

„Leben wie ein Baum, einzeln und frei, doch brüderlich wie ein Wald, das ist unsere Sehnsucht“. Nazim Hikmet

In diesen Tagen vergessen wir es oft: Uns gehört die Erde nicht, wir sind nur ein kleiner Baustein des Lebens auf dieser wunderschönen blauen Kugel. Aber wir haben wie keine andere Spezies zuvor zur Gefährdung des Lebens auf ihr beigetragen. Nicht umsonst spricht man vom Anthropozän, vom Zeitalter der Menschheit, so groß ist unser oft niederdrückender Fußabdruck auf der Erde. Deshalb haben wir auch eine besondere Verantwortung der Welt gegenüber:

Um den Planeten zu schützen, müssen wir die Vielfalt der Pflanzen- und Tierwelt achten und den Artenschutz aktiv fördern. Im Alevitentum werden Erde, Wasser, Feuer und Luft, die Flora und Fauna, die Sonne, der Mond und die Sterne als heilig angesehen.

Ein alevitisches Sprichwort lautet: „Schätze die Erde wie deinen eigenen Körper und die Gewässer wie dein eigenes Blut.“ Es bringt zum Ausdruck, dass Mensch und Natur für uns eine untrennbare Einheit bilden. Daher ist es uns ein fundamentales Anliegen die Natur zu schützen.

Zugleich heben wir uns durch unseren Verstand von der Natur und anderen Lebewesen ab. Wir nehmen unsere Umwelt bewusst wahr und verändern sie. Daher haben wir die Verantwortung, auf andere Lebewesen und Pflanzen zu achten.

Daraus leitet sich im Alevitentum aufgrund der Diesseitsorientierung die Verpflichtung ab, stets nachhaltig mit der Umwelt umzugehen. Zwar müssen wir, um als biologische Wesen existieren zu können, uns der Ressourcen der Natur bedienen.  Gleichzeitig müssen wir aber auch – als schlaue Wesen – der für uns und andere Lebewesen lebensnotwendigen Natur Raum geben um fortzubestehen.

Das Alevitentum fordert deshalb, das Verhältnis von Menschen und Natur in Balance von vernünftigem Gebrauch und Erneuerung zu stellen. Daher gilt die Verschwendung natürlicher Güter als Verfehlung gegen der göttlichen (natürlichen) Ordnung.  Oder um es im heutigen Sprachgebrauch auszudrücken: Ressourcen müssen nachhaltig genutzt werden!

Der Mensch bewohnt fast jeden Winkel der Erde und hat sie daher nach seinem Sinn verändert. Wir und die Natur haben nur dann eine Chance, wenn die Religionen die Schonung der Natur zur Menschheitspflicht machen. Angesichts der gegenwärtigen ökologischen Situation wird von den alevitischen Gemeinden ein besonderes Augenmerk daraufgesetzt, sich ein umfassendes Wissen über die Natur anzueignen.  Naturverbundenheit und die Pflicht, die  Natur zu bewahren und verantwortungsbewusst zu behandeln, sind eng verbunden mit unserem zentralen Streben, innere Vollkommenheit zu erlangen

Nicht zuletzt sind wir deswegen heute hier zusammen gekommen um dies in die Tat umzusetzen. Wir pflanzen heute einen Baum. Ein Baum ist ein Bestandteil der Natur, der wichtig für das Atmen und daher für den Menschen überlebensnotwendig ist. Beenden möchte ich meine Rede mit einem Vers des Dichters Pir Sultan Abdal:

„Das reicht, das reicht

Fügt den Betroffenen ein Heilmittel hinzu

Alle Arten von Früchten

Die auf Bäumen gedeihen und wachsen.“

Sikh-Religion, Khushwant und Sarabjit Singh

  Khushwant und Sarabjit Singh, Rat der Sikh-Religion

Die Sikh-Religion (Sikhi) entwickelte sich ab dem 15. Jahrhundert. Sie geht auf 36 nord-indische Weise zurück und inspiriert ca. 25 Millionen Sikhs (Schüler seelischer Weisheiten) weltweit. Etwa 35.000 Sikhs leben im deutschsprachigen Raum. Sikhi sieht alle Lebewesen als Teil einer Familie an und legt Wert auf Natürlichkeit und Naturverbundenheit. Im Zentrum der Sikh-Religion stehen einheitsstiftende und zugleich die Pluralität wahrende zeitlose seelischen Weisheiten (Gurmat), die schriftlich festgehalten wurden (Gurbani). Sie inspirieren dazu, das eigene Verhalten zu reflektieren und helfen in Harmonie mit sich selbst, den Mitmenschen sowie der Um- und Tierwelt zu leben. Metaphorisch wird von der Seele als Erde gesprochen. Dort geht die Saat der Tugend auf, wenn sie fortwährend mit Weisheit genährt und Unkraut -Sinnbild für Gedanken und Eigenschaften, die zerstörerisch wirken – gejätet wird.

Die einzigartige und naturverbundene Lebensweise zeigt sich auch im Erscheinungsbild von Sikhs. Sie bewahren ihr Haar ungeschnitten. Damit drücken Sikhs Natürlichkeit, Demut und Respekt vor Gott und der Schöpfung aus. Traditionell erkennt man vor allem männliche Sikhs an ihrem Turban (Dastar) und dem ungeschnittenen Bart. Frauen bedecken ihr Haupt zumeist mit einem Tuch, manche tragen ebenso einen Turban. Kleine Sikh-Jungen verwenden ein Stofftuch (Rumal oder Patka), um das in der Kopfmitte zu einem Dutt zusammengebundene Haar zu bedecken. Die Kopfbedeckung, Ausdruck eines tugendhaften, würdevollen und bescheidenen Lebens, wird täglich neu gebunden. Fleiß, Lebensfreude und Resilienz haben mit dazu beigetragen, dass sich trotz Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen große Gemeinschaften u.a. in Großbritannien, Kanada, USA und Australien etabliert haben. In Deutschland, Österreich und der Schweiz haben sich Sikhs vor allem seit den 1980ern niedergelassen.

 

Bahá'í, Modjgan Bidardel

Modjgan Bidardel, Bahá’í-Gemeinde in Deutschland, K.d.ö.R.

Im Namen des Nationalen Geistigen Rates der Bahá’í in Deutschland bedanke ich mich für die Einladung und Organisation dieser wunderbaren Initiative.

Der Zugang der Bahá’í – Weltgemeinschaft zur Bewahrung und zum Schutz der Erde und ihrer Hilfsquellen beruht auf einer Anzahl grundleger, aus den Baha’i Schriften hergeleiteter Prinzipien. Dabei wird die Natur folgendermaßen beschrieben:

Die Natur spiegelt “die Namen und Eigenschaften Gottes” wider. Sie ist der Ausdruck von “Gottes Willen… in der bedingten Welt”.

Bahá’u’lláh, der Stifter der Bahá’í Religion, weist mit vielen Zitaten und Aussagen auf die Fürsorge für die Natur und die Verantwortung jedes einzelnen für deren Erhaltung hin. Den Begriff “Baum” verwendet Bahá’u’lláh dabei oftmals als Sinnbild für das Wesen, das einen Menschen ausmacht oder dessen Ureigenschaft ist. So sagt Bahá’u’lláh, in Seinen verborgenen Worten:

„O Meine Diener! Ihr seid die Bäume Meines Gartens. Ihr müsst edle, köstliche Früchte tragen, euch und anderen zum Nutzen […].“

Der Baum, der stark, tief und fest verwurzelt in der Erde ist, und einen sehr stabilen Stamm hat, ist mit Ästen und Zweigen ausgestattet, die Früchte tragen. Diese Früchte sind deine Gestalt, dein Charakter, dein Denken, dein Wesen, dein ganzes Sein. Sie sind geschmückt „mit reinen und guten Taten, die durch lobenswertes und geziemendes Verhalten“(Bahá’u’lláh) Freude, Ausstrahlung, und Wandel hervorbringen können.

Aus der vergleichenden Betrachtung von Bahá’u’lláh:

“Ihr seid die Früchte eines Baumes und die Blätter eines Zweiges. Verkehret miteinander in größter Liebe und Eintracht, in Freundschaft und Brüderlichkeit.”

leitet sich damit eine direkte Handlungsanweisung für unser menschliches Zusammenleben hier auf der Erde ab: Denn „die Erde ist nur ein Land, und alle Menschen sind seine Bürger“.

 

 

 

Vor der Interreligiösen Baumpflanzung fand am 27. März 2022 ein Gottesdienst in der Laurentiuskirche in Seeheim statt, bei dem die Bedeutung des Baumes in den Religionen thematisiert wurde.

Liebe Gemeinde, liebe Gäste,

gemeinsam mit Vertretungen von neun Religionsgemeinschaften pflanzen wir heute Nachmittag in Seeheim eine Friedenslinde.

In der gegenwärtigen Situation denken wir dabei zuerst an die Ukraine. Mit der Pflanzung verbinden wir die Hoffnung auf ein Ende des Krieges. Die Friedenslinde in Seeheim ist ein Zeichen der Verbundenheit mit den Menschen in der Ukraine, die unter dem Krieg leiden.

Gleichzeitig hat diese Friedenslinde noch eine andere Geschichte. Beim Abrahamischen Forum in Deutschland gibt es einen Arbeitskreis, dem neun Religionsgemeinschaften angehören. Dort wird beraten, was Religionen für die Erhaltung und Bewahrung der Natur tun können. Wir sorgen uns um die Gefährdung der Natur. Besonders dramatisch ist die Entwicklung beim Klimawandel und beim Verlust der Artenvielfalt.

Religionen setzen sich seit Jahrtausenden für die Erhaltung und Bewahrung der Natur ein. Beispielhaft ist die biblische Schöpfungsgeschichte, wo uns Menschen der Auftrag erteilt wird, die Natur zu erhalten und zu bewahren.

Bereits am Anfang der Bibel wird von einer Klimakatastrophe erzählt. Bei der Sintflut sterben Menschen und Tiere. Nur Noah und seine Familie werden gerettet. Noah baut eine Arche, in der seine Familie und Tiere überleben. Die Erzählung von der Arche Noah gibt es in fünf Religionsgemeinschaften: Im Judentum, Christentum, Islam, Alevitentum und Bahaitum. Früher gab es eigene Feste, die an die Errettung von Tieren und Menschen erinnerten. Oft sind sie in Vergessenheit geraten. Angesichts der absehbaren Katastrophen ist es sinnvoll, wieder daran zu erinnern.

Als Menschen sind wir für die Natur verantwortlich und von ihr abhängig. An Bäumen wird das besonders deutlich: Sie sind Lebensraum für Pflanzen  und Tiere, bieten Nahrung und Schutz. Bäume  sorgen für saubere Luft. Sie tragen zu einem funktionierenden Wasserkreislauf bei, binden Kohlendioxyd und  spenden Sauerstoff. Außerdem tragen sie zu Gesundheit und Wohlbefinden bei. Kurzum: Ohne Bäume könnten wir nicht leben.

Der Baum spielt in der biblischen Schöpfungsgeschichte eine wichtige Rolle. Im Judentum gibt es das Neujahrsfest der Bäume, genannt Tu BiSchwat. An diesem Tag werden Bäume gepflanzt und Menschen aus der Nachbarschaft zu einem Fest eingeladen. Daran knüpfen wir nun an.

In Deutschland beginnen wir heute mit den „5 Wochen für Bäume“. In der Zeit vom 21. März, dem Internationalen Tag der Wälder und dem 25. April, dem UN-Tag des Baumes, regen neun Religionsgemeinschaften dazu an, Bäume zu pflanzen und Nachbarn aus verschiedenen Kulturen und Religionen dazu einzuladen. Der Start ist heute in Seeheim mit dem Pflanzen der Friedenslinde.

Die Botschaft dieses Festes ist: Jede und jeder kann etwas fürs Klima und die biologische Vielfalt tun, für Pflanzen, Tiere und Menschen. Wir können Bäume und Sträucher pflanzen im Garten, im Wald und auf dem Balkon.

Damit erfüllen wir den biblischen Auftrag zur Erhaltung und Bewahrung der Natur. Und gleichzeitig sehen wir, dass Religionen zusammenwirken und zum Frieden beitragen können.

Sie hören eine der täglichen Lehren der buddhistischen Meisterin Supreme Matriarch Ji Kwang Dae Poep Sa Nim:
Pflanze einen schönen Baum in deinem Geist

5.414, 06. April 2007, Lotus Buddhist Monastery

Ein Berg, der keine Bäume hat, ist trocken und wenn heftiger Regen fällt, kann er das Land nicht halten – es rutscht den Berg hinunter und bringt allen, die am Fuße des Berges leben, Leiden und eine Tragödie. Hat ein Berg aber viele schöne Bäume, dann versammeln sich dort Vögel und viele verschiedene Tiere, und die Menschen im darunter liegendem Dorf fühlen sich sehr wohl. Die Luft ist rein und gut. Viele Menschen ziehen an einen solch schönen Ort, um dort zu leben; er bringt allen Nutzen. Auf ähnliche Weise ist die wahrhafte und gute Geisteshaltung eines Menschen wie die schöne Vegetation am Berg. Ein menschlicher Geist, der keine Schönheit hat und voll Negativität ist, ist dagegen wie der trockene Berg. Hat jemand einen trockenen und negativen Geist, dann fügt sich für ihn nichts gut und seine Beziehungen zu anderen sind nicht reibungslos. Niemals erhält er Anerkennung von anderen; er ist vielmehr stets das Ziel von Beschwerden jener, mit denen er zu tun hat. Eine solche Person leidet immer und macht ihre Zukunft sehr einsam.
Um diesen trockenen, negativen Geist auszulöschen, muss man in seinen Geist einen schönen Baum pflanzen. Dazu muss man drei Dinge tun:
1. Einen Baum pflanzen, der anderen gegenüber völlig aufrichtig u. loyal ist.
2. Den Geist haben, andere wirklich zu lieben.
3. Wirklich für andere zu leben.

Pflanzt man diese drei Samen der Achtsamkeit, dann werden die Wurzeln wachsen und wenn die Blätter hervorkommen, wird jene negative Geisteshaltung verschwinden. Man wird sich dann immer wohl fühlen, von jenen, mit denen man zu tun hat, respektiert und geliebt werden und alles wird sich für einen gut entwickeln. Diese Welt ist die Welt Buddhas (das bedeutet: des Absoluten, der Wahrheit).
Wir Menschen leben in dieser Welt Buddhas; lasst uns daher erfüllt sein von schöner Liebe und einem mitfühlenden Geist.

Hintergrund zu den 5 Wochen für Bäume
Die 5 Wochen für Bäume weisen auf die große Bedeutung von Bäumen für das menschliche Leben, auf eine gesunde Umwelt und eine lebenswerte Zukunft hin. In die Zeit zwischen den 21. März und dem 25. April fallen 4 wichtige UN Tage. Der 21. März, der Internationale Tag des Waldes und der 25. April, der internationale Tag des Baumes bilden den Rahmen für den Aktionszeitraum 5 Wochen für Bäume. Der UN Tag des Wassers am 22. März und der UN Tag der Erde am 22. April verdeutlichen ebenfalls die Notwendigkeit einer Harmonie zwischen den Elementen. In dieser Zeit betonen Religionsgemeinschaften den Wert von Bäumen, Sträuchern und Wäldern.

Die Initiative "5 Wochen für Bäume" wird gefördert durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV)

Ansprechpartnerin

Johanna Hessemer  (jh@abrahamisches-forum.de)

 Die Bedeutung von Bäumen für den Menschen

Für die menschliche Gesundheit spielen Bäume eine wichtige Rolle. Auf körperlicher Ebene versorgen sie uns mit Nahrung und sauberer Luft, stärken das Immunsystem und können chronische Erkrankungen lindern. Auf psychischer Ebene können Bäume eine heilsame Wirkung entfalten, indem sie Wohlbefinden, Entspannung und Ruhe fördern. Es hat sich gezeigt, dass der Aufenthalt in Wäldern Depressionen, Burnout und Stress reduzieren kann. Zusätzlich zu den therapeutischen Effekten bieten Bäume und Wälder auch viele Möglichkeiten für Familien- und Freizeitaktivitäten.

Auch zum Lebensende hin werden Wälder und Bäume für den Menschen wieder attraktiver. Es gibt mittlerweile einige Möglichkeiten, sich in einem Friedwald oder Ruheforst unter einem Baum, Strauch oder Stein in der Natur bestatten zu lassen.

 

Die Bedeutung von Bäumen für den Klimaschutz

Bäume haben nicht nur einen großen spirituellen und therapeutischen Wert für den Menschen, sondern eine zentrale Bedeutung für eine gesunde Umwelt: Sie verbessern die Luftqualität, speichern Wasser und bieten Lebensraum sowie Nahrung für Tiere, Pflanzen und Menschen. Außerdem beeinflussen Bäume sowohl das globale als auch das lokale Klimageschehen. So stellen Wälder zentrale Kohlenstoffdioxid-Senken dar, die weltweit enorme Mengen an Kohlenstoffdioxid aufnehmen und speichern. Auch im kleineren Rahmen regulieren Bäume die Luftqualität und Temperatur, indem sie Luft filtern, für Schatten sorgen und Wasser verdampfen.

Es ist nachgewiesen, dass die Temperatur im Sommer in der Stadt durch Bäume in Straßen und Alleen deutlich gesenkt wird und somit ein angenehmeres Klima geschaffen werden kann. Die große Bedeutung der Bäume schlägt sich inzwischen auch in den Aktionen zahlreicher Klima- und Naturschutzakteure nieder. Beispielsweise setzt sich die globale Kinder- und Jugendbewegung Plant-for-the-Planet weltweit für mehr Baumpflanzungen ein. In Afrika wird im Rahmen von groß angelegten Anpflanzaktionen der UN mithilfe von neuem Baumbestand die Wüstenbildung gebremst. Das Grüne Band in Deutschland ist Heimat vieler bedrohter und seltener Tierarten. Der BUND fordert das Grüne Band „als unersetzliches Rückzugsgebiet und Wanderkorridor für bedrohte Tiere und Pflanzen [zu] erhalten.“[1]

[1] https://www.bund.net/gruenes-band/

 

Bäume in den Religionen

Bäume haben neben ihrer Wichtigkeit für die menschliche und natürliche Umwelt auch eine religiöse Bedeutung. Im Judentum stehen sie beispielsweise beim Neujahrsfest der Bäume – Tu BiSchwat – im Zentrum. An diesem Tag werden Bäume gepflanzt und Nachbarn und Freunde zu einem gemeinsamen Fest eingeladen. Der Baum spielt in Christentum und Islam vor dem Hintergrund der Schöpfungsgeschichte und des Paradieses eine wichtige Rolle. In christlichen Erzählungen wird der Baum mit der verbotenen Frucht und der Vertreibung aus dem Paradies verbunden. Muslime wurden vom Propheten Muhammad ermutigt, Bäume zu pflanzen, da dies für Menschen und Tiere nützlich sei. In einer Hadith heißt es: „Wenn der jüngste Tag kommt, und jemand hat einen Setzling in der Hand, dann soll er ihn einpflanzen.“[1] Für Aleviten hat jeder Baum eine Seele. Vor jedem Cem-Haus soll ein Baum stehen.  Im Buddhismus werden Bäume ebenfalls geachtet und gefeiert. Der Buddha hat unter einem Baum, dem Bodhibaum, die Erleuchtung erlangt, er hat angeregt, dass die Mönche unter Bäumen meditieren. Zudem hat er sich gerne in Hainen aufgehalten und dort seine Lehrreden gehalten. Durch religiöse Feiern kann eine neue Sicht auf Bäume entwickelt werden.

[1] Ahmad b. Hanbal, Musnad, III, 191

  • Kindergärten und Schulen können sich mit der Bedeutung von Bäumen befassen, Bäume und Wälder malen oder Lieder dazu singen.
  • Kinder können Waldtiere bei einem Spaziergang durch den Wald beobachten, auf Tierspuren auf den Wegen achten und aufschreiben, wie viele verschiedene Tiere sie gesehen oder gehört haben; dazu zählen auch Insekten.
  • Religionsgemeinschaften veranstalten interreligiöse Baumpflanzaktionen auf ihrem Gelände. Dazu werden Angehörige anderer Religionen eingeladen, die einen oder mehrere Bäume spenden und einpflanzen. Unterstützung ist dabei durch u.a. das MoscheebauMProjekt möglich, das dabei berät, Bäume im Umfeld von Moscheen zu pflanzen. Lokale Forstämter oder Regionalgruppen der großen Naturschutzverbände wie BUND, NABU oder SDW helfen hier auch gerne mit.
  • Lesungen aus Heiligen Schriften oder religiösen Traditionen verbinden Spirituelles mit dem Naturschutz und weisen auf die Jahrtausende alten Verhaltensregeln in der Natur hin.
  • Bäume können auch an religiösen Plätzen gepflanzt werden, wobei Menschen unterschiedlicher Herkunft oder Religion möglichst zusammenwirken. Die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald bietet Baumspenden an und hilft bei der Bepflanzung von Grünflächen.
  • Geführte Wanderungen im Wald sind eine gute Möglichkeit, um die 5 Wochen für Bäume zu feiern. Dabei können Förster oder andere Expertinnen und Experten interessante Informationen über die verschiedenen Baumarten und den Zustand des Waldes vermitteln.
  • Um mehr über Bäume zu erfahren und den Wald intensiv zu erleben, bieten sich das Waldbaden oder Waldtherapien an. Achten Sie dabei auf vorgegebene Wege. Lassen Sie den Geruch des Waldes auf sich wirken und nehmen Sie jeden Schritt und den Boden unter Ihren Füßen bewusst wahr.
  • Waldbesuche mit musikalischen Darbietungen können angeboten werden.
  • Ein Picknick auf dafür vorgesehenen Plätzen in unmittelbarer Nähe zu Wäldern oder Bäumen kann organisiert werden.
  • Verbrannte, beschädigte und verletzte Grünflächen innerhalb eines Waldes können mit einer Trauerfeier für den Wald gewürdigt werden. Anschließendes “Heilen” durch das Aussähen neuer Samen schenkt neues Leben.
  • Digitale Events können organisiert werden, um so 5 Wochen für Bäume zu feiern. Aufnahmen von Lesungen, die Baumpflanzungen in der Natur begleiten, können online zur Verfügung gestellt werden.
  • Die 5 Wochen für Bäume können von und mit Menschen aller Religionen gefeiert werden.
  • Plogging ist eine Trendsportart aus Schweden. Dabei handelt es sich um ein Kunstwort, das aus „plocka“ (schwedisch: aufheben) und Jogging zusammengesetzt ist. Dabei geht es darum, während des Joggens Müll aufzusammeln und so nicht nur sich selbst fit, sondern auch die Umwelt gesund zu halten.
  • Auf Streuobstwiesen gibt es oft Bäume mit einer Gelben Schleife. Früchte von diesen Bäumen dürfen mitgenommen werden. Aus dem Streuobst lässt sich zum Beispiel leckere Marmelade kochen.
Bäume kann man ganz einfach in den eigenen Garten pflanzen.  Dies können Sie gemeinsam mit der Nachbarschaft, Freundinnen und Freunden oder der Gemeinde tun, um der Schöpfung etwas zurückzugeben. Jeder Baum hilft, unser Klima zu schützen. Bäume bieten ein Zuhause für viele Arten und spenden im Sommer Schatten.

  1. In den 5 Wochen für Bäume können Pflanzungen erfolgen, da es in dieser Zeit meist genügend Wasser gibt. Suchen Sie sich eine Baumart und Baumschule aus ihrer Region aus, da diese Bäume bereits an das vorherrschende Klima angepasst sind und gut gedeihen. Beachten Sie bei der Auswahl auch die Bodenart.
  2. Wählen Sie einen geeigneten Standort für den Baum aus: Wie hoch und breit wird er später? Braucht er eher Sonne oder Schatten? Wie viel Abstand sollte er zum Haus/Zaun/anderen Bäumen haben?
  3. Heben Sie eine Grube aus, die doppelt so groß ist wie der Wurzelballen. Mischen Sie die ausgehobene Erde mit Pflanzerde und organischem Dünger, wie zum Beispiel Hornspänen. Einen Teil davon geben Sie auf den Boden der Grube, sodass der Baum später auf der richtigen Höhe steht: Der Wurzelballen sollte komplett mit Erde bedeckt sein. Bevor der Baum in die Grube kommt, schlagen Sie zur Stabilisierung des Baumes einen Pfahl an der Windseite in die Erde der Grube ein. Schneiden Sie mit einem scharfen Messer oder einer Gartenschere die Wurzeln an der Ballenkante entlang leicht ein. Vor dem Einpflanzen kappen Sie mit einem scharfen Messer oder Gartenschere verletzte und vereinzelte überlange Wurzeln. Die Schnitte führen dazu, dass sich die Wurzeln in der Erde neu entfalten.
  4. Setzen Sie nun den Baum in die Grube. Bei veredelten Bäumen sollte die Veredelungsstelle etwa 5-10 cm über dem Boden befinden. Treten Sie den Boden fest und binden Sie den Baum an den Pfahl, ohne dass das Seil den Stamm abschnürt. Bei Obstbäumen sollten die Stützpfähle mindestens fünf Jahre stehen bleiben. Legen Sie am Rand der Grube um den Baum herum einen Gießrand an und wässern Sie den Baum ausgiebig. Verteilen Sie eine Schichte Rindenmulch um den Baum, um ihn zu schützen.
  5. Besonders in der ersten Wachstumsperiode muss der Baum gut gewässert werden und die Baumscheibe sollte von Bewuchs befreit werden.

(Aus: Abrahamisches Forum, „Die Natur feiern. Religionen und Naturschutz“, 2. Auflage 2020, Seite 17)

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