Fasten und Verzichten

Fasten, nicht nur verzichten

Der freiwillige Verzicht auf Nahrungsmittel oder andere Genüsse über einen bestimmten Zeitraum hat in vielen Kulturen und Religionen eine lange Tradition. Er wird individuell oder als organisierte Gemeinschaftsaskese praktiziert. Auch variiert Dauer und Jahreszeit der Enthaltsamkeit. Das Fasten dient unterschiedlichen Zwecken. Es gibt religiöse, spirituelle oder gesundheitliche Motive.

Beim Fasten in unserer Zeit wird immer häufiger die Bewahrung und Erhaltung der Natur in den Mittelpunkt gestellt. So gibt es die christliche Bewegung „Sieben Wochen ohne“, die jedes Jahr in der vorösterlichen Zeit besondere Ziele benennt wie das Autofasten oder Fleischfasten, um auf unsere Verantwortung für die Natur aufmerksam zu machen. Manche muslimischen Gemeinden praktizieren das Plastikfasten, damit in der Zeit des Ramadan Plastikmüll bei den großen Gemeindeveranstaltungen vermieden wird.

Fastenzeiten dienen als Phasen der nachhaltigen Gestaltung unseres Lebens: Es erfolgt eine Besinnung auf das Wichtigste im Leben:

  • ein kritischer Blick auf Konsumgewohnheiten wird entwickelt,
  • die Solidarität mit den Armen und die Bekämpfung der Ungerechtigkeit wird hervorgehoben,
  • Fastenzeiten können Phasen des interreligiösen Austausches werden, wie das beim Ramadan-Fest zu beobachten ist.

Zeiten des Fastens sind Zeiten besonders intensiver religiöser Spiritualität. In einer multireligiösen Gesellschaft sind Begegnungen möglich, die das Engagement für die Erhaltung der biologischen Vielfalt und das friedliche Miteinander mit der Natur und  Gesellschaft festigen.

Aleviten fasten zwölf Tage im islamischen Monat Muharram von Sonnenaufgang bis -untergang. Abgeschlossen wird der Fastentag mit einer einfachen Mahlzeit. Die Fastenzeit wird als eine Trauerzeit angesehen. Es ist eine Zeit der Rückbesinnung auf die Schlacht von Kerbela. Hüseyin, der Enkel Muhammads, war auf dem Weg zum muslimischen Herrscher Yazid, mit dessen Vorgehensweise er nicht einverstanden war. Auf seiner Reise wurde allerdings Hüseyin von den Soldaten Yazids überfallen und die Gefolgsleute Hüseyins getötet. Da Hüseyin nach dieser Schlacht Hunger und Durst erlitt, fasten die Aleviten heute zwölf Tage als Symbol der Solidarität und als Erinnerung an die zwölf Imame.

In der Zeit des Fastens wird sich auf das Leben besonnen und auch kein Leben verletzt. D.h. in der Zeit des Fastens wird auch kein Fleisch gegessen und Selbstgeißelungen wie die Passionsspiele, die im Schiitentum praktiziert werden, sind verboten. (1)

(1) Vgl. https://www.deutschlandfunkkultur.de/aleviten-fasten-anders-trauer-ueber-den-tod-der-zwoelf-imame.1278.de.html?dram:article_id=334278

Am 21. März feiern die Bahai ihr Neujahrsfest, das Naw-Ruz-Fest. Um sich auf dieses Fest vorzubereiten, wird 19 Tage davor gefastet, nämlich vom 2.-20. März. Während des Fastens wird darauf geachtet, Zeit für sich selbst zu finden. Innere Herzensangelegenheiten finden nun Beachtung und können geordnet werden. Zudem wird der Seele Ruhe gegönnt. Die eigenen Kräfte sollen dadurch wieder gestärkt werden.

Gefastet wird tagsüber zwischen Sonnenaufgang- und Untergang. Auf eine gute Ernährung in der Essenszeit sollte allerdings geachtet werden.

Die Bahai sehen im Fasten nicht nur den Verzicht auf Speisen und Getränke, sondern fokussieren sich vielmehr auf den Zugewinn, den das Fasten mit sich bringt. Sie sehen das Fasten als eine geistige Übung an, die Körper und Geist reinigt und stärkt. Durch das Fasten soll ein Einklang mit sich selbst hergestellt und hervorgehoben werden, was wirklich wichtig ist im Leben. (1)

(1) Vgl. https://aktuelles.bahai.de/artikel/19-tage-ohne-oder-fasten-zeit-der-besinnung/#:~:text=Die%20Bah%C3%A1’%C3%AD%2DSchriften%20betonen,die%20in%20seiner%20Seele%20ruhenden

Im Christentum gibt es eine Vielfalt an Fastenzeiten in den verschiedenen Konfessionen mit unterschiedlichen Anlässen und Regelungen. Am wichtigsten ist die vorösterliche Passionszeit.

Während die Fastenzeit vor Weihnachten heute in den Großkirchen kaum mehr praktiziert wird, besitzt die Fastenzeit vor Ostern eine große Bedeutung. (1) Sie beginnt 40 Tage (Sonntage werden in der Rechnung nicht berücksichtigt) vor dem Osterfest an Aschermittwoch und endet mit Ostern. An diesem Tag denken Christen an das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern. Den Abschluss bilden die Tage des Osterfestes, die als Familienfest gefeiert werden. Das Osterfest findet an einem beweglichen Feiertag statt, der sich am Mond orientiert – Ostern wird immer am ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond gefeiert.

Stark beachtet wird der Aschermittwoch als Beginn der Fastenzeit. Er ist mit einem gemeinsamen Essen verbunden und kann dazu entwickelt werden, unsere Verantwortung für die biologische Vielfalt in das Zentrum zu rücken und zu den Feiern Menschen anderer Religion und ohne Religion einzuladen.

(1) Informationen über die vorweihnachtliche Fastenzeit finden Sie bspw. unter: https://www.katholisch.de/artikel/15422-achtung-die-fastenzeit-beginnt

Bei den Eziden gibt es eine dreiwöchige Fastenzeit, in der jeweils von Dienstag bis Donnerstag von Sonnenaufgang bis -untergang gefastet wird. Die dreitägige Fastenzeit endet jeweils mit einem Fest am Freitag, das unterschiedlichen Persönlichkeiten aus der Geschichte der Eziden gewidmet ist. Den Abschluss der Feierlichkeiten bildet das Fest der Erschaffung der Erde am letzten Freitag nach der dreiwöchigen Fastenzeit.

Da die Sonne und der Sonnenzyklus bei den Eziden eine große Rolle spielen, folgen die Eziden dem Solarkalender. Der ezidische Monat beginnt dabei mit dem 14. des christlichen Kalendermonats. Die Fastenzeit liegt in den Wochen vor Weihnachten und beginnt zum Teil bereits in der letzten Novemberwoche. Die Sonnenwende am 21.12. spielt bei den Eziden eine große Rolle.  Da die Tage in dieser Zeit immer kürzer werden, wird währenddessen gefastet. (1)

(1) Vgl. https://kurdische-gemeinde.de/ida-ezi-das-yezidische-fest-zu-ehren-gottes/

Im Islam wird im Monat Ramadan gefastet – Fasten gehört zu den fünf Säulen des Islam und gilt für Sunniten wie Schiiten. Muslime fasten während des Ramadan von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Das Fastenbrechen – Iftar – wird dabei in Gemeinschaft gefeiert.

Beim muslimischen Kalender handelt es sich um einen Lunisolarkalender, der sich weitestgehend am Mond ausrichtet. Die Monate des muslimischen Kalenders folgen einer anderen Struktur als die Monate des gregorianischen Kalenders. Aus diesem Grund „wandern“ die muslimischen Monate durch das gängige Kalenderjahr. Die muslimische Fastenzeit kann dementsprechend sowohl im Sommer als auch im Winter, Frühling oder Herbst stattfinden.

Im Judentum gibt es über das ganze Jahr verteilt mehrere religiöse Fastentage, an denen auf Nahrungs- und Getränkeaufnahme verzichtet wird. Kranke und Kinder sind vom Fasten ausgenommen. Der höchste jüdische Feiertag Jom Kippur, das jüdische Versöhnungsfest, ist ebenfalls ein Fastentag. Strenger als in anderen abrahamischen Religionen wird über ca. 25 Stunden lang, von Sonnenuntergang bis zum Beginn der nächsten Nacht, gefastet. An Jom Kippur wird das Geschenk des Lebens und der Schöpfung gepriesen. Die Gläubigen tragen keine Lederbekleidung oder Lederschuhe. Die Tiere sind Mitgeschöpfe und im Bund eingeschlossen. Die jüdischen Speisegebote setzen Juden ein Leben lang Grenzen beim Verzehr von Speisen und Getränken. Viele Tierarten, die in den anderen abrahamischen Religionen konsumiert werden dürfen, bleiben verschont. Das paradiesische Ideal ist die vegane Ernährung. An den acht Tagen des Pessachfestes wird auf alle Nahrungsmittel verzichtet, die als „gesäuert“ gelten, wie Teigwaren, Bier, Joghurt etc. Häufig haben religiöse jüdische Fastentage auch Bezüge zum Vegetationsverlauf im Jahr und zur jüdischen Geschichte.

Aber auch an jedem Sabbat wird auf viele alltägliche Konsumgewohnheiten verzichtet.  An diesem wöchentlichen jüdischen Feier- und Ruhetag, der an den siebten Tag der Schöpfung erinnert, werden möglichst viele Ressourcen geschont. Elektrizität wird nicht genutzt, Autofahren pausiert, auch Arbeiten, Einkaufen und Geschäfte finden am Sabbat nicht statt.

Ideen für ein nachhaltiges Fasten

Fasten und Verzichten ist auch eng mit dem Gedanken der Nachhaltigkeit verbunden.

Neben dem Verzicht auf bestimmte Lebensmittel gibt es auch weitere Arten des Fastens in den Religionsgemeinschaften. Im Folgenden werden einige Möglichkeiten des Fastens vorgestellt, die für die Erhaltung der Natur besonders wichtig sind:

Die Evangelische Kirche lädt seit Jahren zum Autofasten während der Passionszeit vor Ostern ein. Durch das Stehen lassen des Autos und das Umsteigen auf das Fahrrad kann CO2 eingespart werden. Einen CO2 Rechner finden Sie beispielsweise hier:

https://uba.co2-rechner.de/de_DE/

Vorteile des Autofastens:

  • Reduzierung des CO2-Ausstoßes
  • Mehr Bewegung führt zu mehr Lebensfreude
  • Fokussierung auf eigene Bedürfnisse
  • Reflektion über die permanente Nutzung des Autos
  • Entlastung des Straßenverkehrs

 

Dem Autofasten während der Passionszeit können sich Menschen anderen Glaubens anschließen und damit die Wirkung dieser Initiative für die Natur verstärken.

 

Mehr Informationen finden Sie unter: https://www.autofasten.de/

Leider wird die Aktion Autofasten ab 2021 nicht mehr durchgeführt. Der Anstoß, das Auto einmal stehen zu lassen und auf das Rad umzusteigen bleibt aber weiterhin bestehen.

Seit dem Aufkommen neuer digitaler Medien und immer leistungsstärkerer Smartphones haben sich Kommunikation und soziale Interaktionen grundlegend verändert. Leben findet in der jungen Generation vermehrt digital statt. Wert ist, wer viele Likes oder „gefällt mir“ in den sozialen Medien nachweisen kann. Diese Likes generieren ein Gefühl der Akzeptanz und des Wohlbefindens. Langeweile kommt schnell auf und eine gewisse Anzahl an Likes pusht temporär das Ego. Dopamin, umgangssprachlich auch als Glückshormon bezeichnet, wird ausgeschüttet und regt Geist und Körper kurzfristig an.

Der Trend, auf diese Dopaminausschüttung zu verzichten, und dem kurzen Rausch zu widerstehen, hat seinen Ursprung im Silikon Valley. Es soll langfristig glücklicher und ausgeglichener machen, dem Drang zu widerstehen, ständig aufs Smartphone zu gucken.

Das können Sie tun:

Anstatt:

  1. Textnachrichten an Freunde und Bekannte schicken
  2. Facebook, Instagram, TiKTok
  3. Serien und Fernsehen
Besser:

  1. telefonieren Sie wieder öfter oder schreiben Sie einen Brief
  2. lesen Sie ein Buch oder treffen Sie sich mit Freunden
  3. machen Sie einen Spaziergang und erschaffen Sie so bleibende Erinnerungen

Einmal wöchentliches Fasten für die Mitwelt

Eine jüdische überregionale Initiative aus den USA das „green sabbath project“ https://www.greensabbathproject.net/ fordert dazu auf, einmal pro Woche einen Ruhetag, mit Geld-, Fahrzeug- und Elektrizitätsfasten, also einen Sabbat zur Schonung von Klima und Ressourcen einzulegen, der entschleunigt, offline zusammen mit Freunden und Familie begangen wird und eigener Kontemplation, Reflexion und Regeneration dient.

Klimafasten ist eine Aktion der Evangelischen Kirche, der sich Menschen anderen Glaubens und ohne Glauben anschließen können. Es vereint alle genannten Arten des Fastens unter einem Titel. Ziel ist es, sich in der Passionszeit vor Ostern auf ein klimafreundliches Handeln und Leben zu konzentrieren und über Konsequenzen des eigenen Handelns Gedanken zu machen.

Beim Klimafasten liegt der Fokus darauf, seinen Ökologischen Fußabdruck zu reduzieren.

Das können Sie u.a. tun:

  • Lichter ausschalten, wenn man nicht im Raum ist
  • Kühlschrank nur so lange wie nötig geöffnet lassen
  • Stoßlüften im Winter
  • Raumtemperatur reduzieren, wenn nicht zu Hause
  • Alle elektronischen Geräte ausschalten, wenn sie nicht benutzt werden und nicht nur auf Standby schalten!
  • regional und saisonal Einkaufen, lokale Geschäfte unterstützen
  • Fleischkonsum reduzieren
  • regional verreisen und Fernreisen vermeiden
  • Qualität statt Quantität beim Einkaufen, vor allem bei Kleidung und Lebensmitteln
  • Kürzere Strecken zu Fuß gehen oder mit dem Rad fahren
  • Lesen anstatt fernsehen
  • spazieren gehen

 

Informationsmaterial zum Klimafasten, sowie Anleitungen und einen Austausch mit anderen finden Sie unter https://www.klimafasten.de/

2014 initiierte der BUND die Initiative des Plastikfastens. Es wird dazu aufgerufen, während der Fastenzeit soweit wie möglich auf Plastik und Plastikverpackungen zu verzichten. Ziel ist es, sich der Problematik von Plastik bewusst zu machen, und den Plastikverbrauch nachhaltig zu reduzieren.

2017 wurde das Konzept von Nour-Energy – einer muslimischen Organisation, die sich dem Umweltschutz verschrieben hat – adaptiert und unter muslimischen Verbänden, vornehmlich Moscheegemeinden, publik gemacht. Durch den Hashtag #RamadanPlasticFast ist das Konzept nun auch international bekannt.

Plastik ist nicht unbedingt auf den ersten Blick sichtbar, es versteckt sich häufig in Produkten. Vor allem geht es beim #RamadanPlasticFast aber darum, Einmalgeschirr während der Iftarfeierlichkeiten zu vermeiden.

Plastik ist inhalten in:

  • Einmalgeschirr
  • als Mikroplastik in Kosmetika
  • in Kleidunng
  • Verpackungsmüll

ABER so kann Plastik vermeiden werden:

  • Geschirr aus Porzellan, Glas oder Baumblättern
  • Naturkosmetik(1)
  • Naturstoffe
  • Wachspapier anstatt Frischhaltefolie, Jutebeutel zum Einkaufen, Obstsäckchen aus  Garn anstatt der im Supermarkt bereitgestellten dünnen Plastiktüten für Obst und Gemüse

 

(1) Eine Liste mit mikroplastikfreier Kosmetik finden Sie u.a. hier:

https://www.kosmetik.org/kosmetik-ohne-mikroplastik/

https://www.ndr.de/ratgeber/verbraucher/Mikroplastik-in-Kosmetik-per-App-erkennen,plastik368.html

Auf das Wegwerfen von Gegenständen zu verzichten, klingt im ersten Moment wie eine Herausforderung, liegt aber unter dem Titel Upcycling voll im Trend. Auf das Wegwerfen von Lebensmitteln oder Gegenständen kann verzichtet werden, indem man aus alt neu macht und Gebrauchtes mit ein paar kleinen Tricks aufwertet.

Dabei werden alte Möbelstücke neu angemalt oder lange Hosen zu kurzen Hosen umgenäht.

Bei Lebensmitteln könnte es so aussehen, dass man aus den vom Vortag übrig gebliebenen Nudeln einen Auflauf zaubert oder aus den Resten des Hühnchens eine Suppe kocht.(1)

 

(1) Mehr Inspirationen zu nachhaltigem Kochen finden Sie unter: https://www.msn.com/de-de/lifestyle/topstories/30-brillante-ideen-für-zutaten-die-sie-normalerweise-wegschmeißen/ss-AAJ6HtK?ocid=spartanntp#image=1

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