Erntedank

Erntedank

Der Herbst mit seinen goldenen Sonnenstrahlen ist die Zeit der Ernte. Zum Erntedank freuen sich Menschen über die Gaben der Natur. Sie erinnern sich daran, dass Erntefrüchte und Korn saisongebunden sind und alle Menschen an den Ernteprodukten Anteil haben. Auch dass die Ernte selbst in einer globalisierten Welt nicht im Überfluss vorhanden ist, gehört zu den Kerngedanken. Erntedank ist aber noch mehr als die Aussprache von Dankbarkeit und  Erinnerung. Es beinhaltet:

  • die Respektbezeugung gegenüber der Natur, der Arbeit der Bauern oder Winzer
  • die Bewusstmachung der Abhängigkeit von der Natur und des Zusammenhangs von Arbeit und Segen
  • auch in schwierigen Situationen eine Haltung der Dankbarkeit einzunehmen

Für viele Religionsgemeinschaften spielt der Erntedank eine große Rolle. Verbreitet ist dabei die Tradition, Menschen aus der Nachbarschaft – seien es Freunde, Verwandte, Bekannte oder Fremde – einzuladen.

Erntedank schafft damit gruppenübergreifende Begegnungsmöglichkeiten. In den Religionen und regionalen Traditionen existieren unterschiedliche Formen des Feierns:

Im Bahá’ítum erfährt die Natur eine besondere Wertschätzung. Ein mit Erntedank verbundenes Ritual gibt es jedoch nicht. Bahá´u´lláh, der Stifter der Bahá´í-Religion, erinnert daran, der Landwirtschaft besondere Beachtung zu schenken.

Bahá´u´lláh beschreibt diese als „eine edle Wissenschaft“, deren Ausübung „Gottesdienst“ ist, und ermutigt Frauen wie Männer, sich mit „landwirtschaftlichen Wissenschaften“, besonders mit dem Ackerbau „als Grundlage der Gemeinschaft“ zu beschäftigen. Wenn ein Mensch „auf diesem Gebiet bewandert wird, trägt er zum Wohl unzähliger Menschen bei“. (`Abdu´l-Bahá,  Die Bewahrung der Erde und ihrer Hilfsquellen. Bahá´í-Verlag, Hofheim-Langenhain 1990, S. 28)

Das folgende, von Bahá´u´lláh geoffenbarte Gebet, preist die Schöpfung Gottes und erfüllt die Herzen mit Demut und Dankbarkeit gegenüber der Natur:

„Bei Deiner Herrlichkeit! Wann immer ich meine Augen zu Deinem Himmel erhebe, gedenke ich Deiner Hoheit und Erhabenheit, Deiner unvergleichlichen Herrlichkeit und Größe; und wann immer ich den Blick Deiner Erde zukehre, muss ich die Zeichen Deiner Macht und die Beweise Deiner Großmut erkennen. Sehe ich das Meer, so spricht es mir von Deiner Majestät, von der Gewalt Deiner Macht, von Deiner Souveränität, Deiner Größe. Und betrachte ich die Berge, so drängt es mich, die Fahnen Deines Sieges und die Banner Deiner Allmacht zu entdecken.“ (Bahá´u´lláh,  Gebete und Meditationen, Bahá´í-Verlag, 3. Aufl.,  Hofheim 1992; 176:15-17)

Die Bahá’í laden ihre Nachbarn, Freunde, Verwandte, Bekannte und Fremde ein, um in Begegnungen einen Wandel im Persönlichen als auch in der Umgebung anzustoßen, welcher durch gemeinsames Lernen dazu führt, dass die Menschheit zu einem Organismus zusammenwächst und die Schöpfung respektvoll behandelt wird. Es bedeutet, sich für die Besserung der Welt aktiv einzusetzen und in Demut vor Gottes Schöpfung einen Pfad des Dienens zu beschreiten. In der  Botschaft Bahá’u’lláhs heißt es: „Lasst Taten, nicht Worte eure Zier sein!“(Bahá’u’lláh – Die Verborgenen Worte)

 

Erntedank wurde im Jahr 813 auf die Initiative von Kaiser Ludwig dem Frommen hin auf dem Mainzer Konzil als christliches Fest eingeführt. Mit dem 29. September schloss die bäuerliche Erntezeit ab. Erst im Jahr 1972 legte sich die Deutsche Bischofskonferenz bei der Ausrichtung des Festes auf den ersten Sonntag nach Michaelis fest. Die meisten evangelischen und katholischen Gemeinden orientieren sich an diesem Termin des in der Regel ersten Sonntags im Oktober.

Gott für die Ernte zu danken, ist ein wichtiger Bestandteil der biblischen Überlieferung, die in der bäuerlich geprägten Lebenswelt des alten Israel entstanden ist. Dies verdankt der Mensch ganz dem Schöpfer. In Psalm 104,14 f. wendet sich der betende Mensch an Gott: „Du lässt Gras wachsen für das Vieh und Pflanzen für den Ackerbau des Menschen, damit er Brot gewinnt von der Erde und Wein, der das Herz des Menschen erfreut, damit er das Angesicht erglänzen lässt mit Öl und Brot das Herz des Menschen stärkt.“

Auch das Neue Testament spricht oft in bildlicher Weise von der Ernte und ihren Früchten. Jesus lehrt seine Jünger zu beten: „Unser tägliches Brot gib uns heute“. Wie sehr der Mensch alles für sein Leben Notwendige von Gott erwarten darf, zeigt ein Weisheitswort Jesu: „Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie?“ (Mt 6,26) Der Dank an Gott für die Gaben der Erde und der menschlichen Arbeit ist so zutiefst in der christlichen Überlieferung verwurzelt und wurde schon seit der alten Kirche mit unterschiedlichen Bräuchen begangen.

Viele jüdische Feste, die ihren Ursprung häufig im Vegetationsverlauf mit Saat-, Pflanz-, Blüten- und Erntefesten hatten und kosmischen Rhythmen folgten, wurden bereits in der Bibel erwähnt und mit bibelgeschichtlichen religiösen Inhalten verbunden. So erinnert das Pessachfest an die Flucht der Israeliten aus ägyptischer Sklaverei durch die Gnade Gottes.

Einige jüdische Festzeiten greift das Christentum zwar mit eigenen kalendarischen Berechnungen auf, füllt sie jedoch mit christlichen Inhalten. So werden Sonntage, Ostern, Pfingsten, Erntedankfest und Weihnachten in christlicher Tradition zu ähnlichen Zeiten gefeiert wie Sabbattage, Pessach, Schawuot, Sukkot und Chanukka (Weihefest) in jüdischer Tradition.

Wegen der Konzentration des christlichen Festkalenders auf die geschichtlichen Heiltaten Gottes gab es zunächst kein eigenes Erntedankfest. Schon früh wurden aber bestimmte Tage im Kirchenjahr begangen, die sog. Quatembertage (von quattuor tempora – vier Zeiten; Mittwoch, Freitag und Samstag) in vier Wochen jeweils zu Beginn der Jahreszeiten, die u.a. mit der Bitte und dem Dank für die Ernte verbunden waren. Sie waren vermutlich eine christliche Antwort auf die mit ausgelassenen Feiern verbundenen antik-römischen Erntefeste, die von den Christen bewusst mit Fasten und Gaben für Bedürftige begangen wurden. Im Lauf der Zeit und in den jeweiligen Regionen nahm der Erntedank ganz unterschiedliche Formen an.

In der Gestaltung besteht ein großer Variantenreichtum. Es gibt Gottesdienste oder Umzüge, an denen Kindergarten- und Schulgruppen mitwirken, meist wird die Vielfalt der Ernte auf dem Altar ausgebreitet. Oft wird diese später an Tafeln und damit an Arme, Obdachlose und Flüchtlinge verteilt. In ländlichen Regionen sind Erntedank-Traditionen meist etablierter und fester im Feierjahr verankert als in Großstädten.

Bei den Feierlichkeiten sollte regional und ökologisch angebautes Obst und Gemüse Verwendung finden. Die Zusammenarbeit mit Ökobauernhöfen der Region ist hier denkbar. Veranstaltungen können mit Bildungsinhalten wie dem ökologischen Anbau oder dem Klimaschutz durch Verzicht auf Fleisch zugunsten von Gemüse oder veganem Essen erweitert werden.

Ein Erntedankfest gibt es im Islam nicht, aber der Monat Ramadan kommt dem Gedanken des Festes am nächsten. Fasten ist auch ein Mittel, um Hunger zu erfahren, Empathie für die weniger Glücklichen zu entwickeln und um Dankbarkeit gegenüber Allah auszudrücken. Durch das tägliche Fasten, die fünf Tagesgebete und die Lesungen aus dem Quran setzen sich die Muslime in der Zeit des Ramadan auch sehr stark mit dem Schöpfung und Gnade Allahs auseinander. Im täglichen Gebet bedankt sich der Muslim mit den Worten „Alhamdu lillahi rabbi al-alamin“ (Wir danken Allah, dem Herrn der Welten) für alle Gaben Allahs, nicht zuletzt für die, Allah bewusst dienen zu dürfen. Der ganze Monat Ramadan und das Ramadanfest stehen somit im Zeichen des Dankes für Allahs Wohltaten.

Allah wird im Quran auch als der Schöpfer und Versorger bezeichnet: „Allah ist es, Der die Himmel und die Erde erschaffen hat und vom Himmel Wasser herabkommen läßt, durch das Er dann für euch Früchte als Versorgung hervorbringt.“ [16:32]

Der Islam kennt ausdrückliche Dankbarkeit für die Gaben Allahs als festen Bestandteil seiner Rituale und Gebete. Ein festgelegtes Datum im Jahreskalender zum Begehen des Erntedanks ist nicht bekannt. Im Quran wird aber die Abgabe an Arme und Bedürftige für die Ernte ausdrücklich erwähnt: “Und Er ist es, Der Gärten wachsen lässt […] und die Dattelpalme und die Getreidefelder, deren Früchte von verschiedener Art sind, und Oliven und Granatapfel (Bäume), einander ähnlich und unähnlich. Esset von ihren Früchten, wenn sie Früchte tragen, doch gebet davon am Tage der Ernte (dem Armen Zakah) seinen Anteil, seid (dabei aber) nicht verschwenderisch! Wahrlich, Er liebt diejenigen nicht, die nicht maßhalten.” [6:141]

Der Quran erinnert daran, dass Allah uns reichlich Gaben zur Verfügung stellt, für die wir dankbar sein sollen: „O die ihr glaubt, esst von den guten Dingen, mit denen Wir euch versorgt haben, und seid Allah dankbar, wenn ihr Ihm (allein) dient!“  [2:172]

Die Dankbarkeit zeigt sich nicht nur im Wort, sondern vor allem im  bewussten und umsichtigen Umgang mit diesen Gaben. Hierfür gibt der Quran wieder Hinweise  auf die  Entstehung der Nahrungsmittel im Zusammenwirken mit den  natürlichen Ressourcen.  Solche Weisungen sollen zum Nachdenken bewegen:  „Auf seine Nahrung schaue doch der Mensch, dass Wir [Gott] das Wasser reichlich fließen lassen, dann die Erde aufbrechen lassen, dann auf ihr Korn wachsen lassen, Weinstöcke und Futterpflanzen, Ölbäume und Palmen und Gärten, reich bepflanzt, und Früchte und Kräuter zum Genuss für euch und euer Vieh.“ (8:24-32)

 Zu Ritualen der Dankbarkeit gehört der Verzehr von Lebensmitteln mit dem Ausspruch „Bismillahirrahmanirrahim“ (Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen“ zu Beginn und der Danksagung „Alhamdulillah“ (Allah sei gedankt) am Ende der Mahlzeit.

Die Speisevorschriften im Islam verlangen von den Gläubigen auch, die Nahrung unter Berücksichtigung der Umwelt und Natur zu produzieren. In diesem Zusammenhang wird das Maßhalten im Umgang mit den begrenzten Ressourcen deutlich sichtbar.

Die schiitisch geprägte islamische Gemeinde kennt das Nazri-Essen. Es handelt sich um ein gemeinschaftlich gekochtes Suppengericht, das in tagelanger Vorbereitung zubereitet wird. Der stark meditative Charakter durch das ritualisierte Rühren und das anschließende Verteilen der Speise an Gäste aller gesellschaftlichen Schichten sind für die Symbolik des Festessens von großer Bedeutung. Gestärkt wird der dahinterstehende Gedanke, dass alles, was verzehrt wird, in einem längeren Produktionsweg erst entstehen musste.

Die drei Wallfahrtsfeste im Judentum Pessach, Schawuot und das Laubhüttenfest sind auch Festwochen des Erntedanks. Bis zur Zerstörung des Jerusalemer Tempels (70 n. Chr.) brachten landwirtschaftliche Pilger einen Teil ihrer Ernte als Opfer zum Tempel.

Zum Fest der Erstlingsfrüchte am 2. Tag des Pessachfestes opferten die Gläubigen einen Teil ihrer neuen Gerstenernte. Von da an werden 7 Wochen gezählt und am 50. Tag am Wochenfest Schawuot wurden von der zweiten Getreideernte (Weizen) Opfergaben zum Jerusalemer Tempel gebracht. Es wird bis heute als „milchiges“, vegetarisches, Fest gefeiert. Wenn das Agrarjahr zu Ende geht und die letzte Ernte eingesammelt wurde, folgt das Laubhüttenfest Sukkot. Im 5. Buch Mose wird Sukkot als Fest der Freude bezeichnet: „Wenn nicht nur die Getreide-, sondern auch die Weinernte eingebracht ist, sollt ihr sieben Tage lang das Laubhüttenfest feiern. Begeht es als Freudenfest mit euren Söhnen und Töchtern […] in eurer Stadt, den Fremden, die bei euch leben, den Waisen und Witwen.“ (Dtn 16,13-14))

Mit dem Sukkot (Hütten) Fest wird nicht nur für eine reiche Ernte gedankt, sondern gerade in dieser Zeit des Wohlstands und der Fülle, wird an die 40 Jahre der Wüstenwanderung erinnert, während der die Israeliten nur in provisorischen Laubhütten lebten. Gefeiert wird an insgesamt 7 Tagen abhängig vom jüdischen Kalender im September oder Oktober. Traditionelle Jüdinnen und Juden leben während der gesamten Zeit in ihrer selbstgebauten Sukka (Laubhütte) aus belaubten Zweigen, die sie in ihren Gemeinden, in Gärten, auf Höfen oder Balkonen errichten. Das Dach der Sukka soll vor praller Mittagssonne gut abschirmen und dennoch so viele Lücken lassen, dass dadurch nachts die Sterne leuchten gesehen werden können. Innen wird die Laubhütte mit Lichtern, Girlanden, Blumen, Getreidesträußen, Obst, Gemüse und Bildern geschmückt. Alle Festmahlzeiten werden in der Familie und zusammen mit Gästen in der Sukka eingenommen. Es ist ein gemeinschaftliches Fest, an dem Männer, Frauen, Kinder und Gäste gleichermaßen teilhaben. Die Synagogen-Gemeinden veranstalten Empfänge mit Gebeten, Mahlzeiten, Lesungen und Gesprächen in größeren Gemeinschafts-Laubhütten, zu denen auch nicht jüdische Gäste und Freunde eingeladen werden.

Weitere Formen des Erntedanks:

Energie-Erntedank (nach einer Idee von Andreas Krone):

Energie-Erntedank ist eine Möglichkeit, die regenerativen Energien verstärkt ins Bewusstsein der Menschen zu bringen. Energie-Erntedankfeste können in verschiedenen Religionen und Kulturen oder auch gemeinsam gefeiert werden. Kirchen sollten in Gottesdiensten die Ernte regenerativer Energien ausdrücklich thematisieren und mit Danksagung an den Schöpfer verbinden. Ideen zum energiefreundlichen Feiern finden sich auf http://www.lucy-art.de/eerntedank.htm oder auf Anfrage an Andreas.Lucy@t-online.de

Ideen für eine Umsetzung des Erntedanks:

Bei den verschiedenen Formen des Erntedanks sind Momente der Freude, Dankbarkeit und Gastfreundschaft zu finden. Gerade in der Migrationsgesellschaft bietet es sich an, das Erntedankfest zum Zusammenkommen verschiedener Kulturen und Religionen zu nutzen und Kontakt mit Bürgerinitiativen, sozialen Einrichtungen, Flüchtlingsunterkünften sowie verschiedenen religiösen Gemeinden aufzunehmen und sie zu gemeinsamen Feiern  einzuladen. Neben Gottesdiensten sind Einladungen in die Laubhütte möglich:

  • Gemeinsamer Gang auf Wiesen oder Felder, um z.B. Kräuter zu pflücken oder Obst zu ernten

„Die Suppe der erfüllten Wünsche“:  Gemeinschaftliches Kochen einer Suppe. Zutaten bestehen aus geretteten Lebensmitteln. Bürger*innen sind eingeladen „mitzuschnippeln“. Die Zubereitung erfolgt in meditativer Stille. Während des

  • Kochens gibt es Raum für die innere Beschäftigung mit eigenen Wünschen im Leben, die (vielleicht) in Erfüllung gegangen sind und der persönlichen Dankbarkeit
  • Servieren des Essens an einem zentralen Platz
  • Dankesworte an die Natur, Gebete verschiedener Länder und Religionen, Unterstützung durch Bilder und Musik
  • Aufstellen eines Bienenstockes innerhalb der Gemeinde zu einem zentralen Termin. Dieser wird vorher gemeinsam gestaltet z.B. durch Bemalung. Entnahme des Honigs zum Ende des Sommers. Verzehr des Honigs an Erntedank mit anderen Gerichten. Informationen über die Honigbiene, deren Arbeitsstruktur und Rolle im Schöpfungsprozess.

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